Tadaa! Sie haben die Freiheit gewonnen, mit jedem Menschen in Ihrem Umfeld genau die Beziehung zu pflegen, die sich „richtig anfühlt“. Kein Zwang, keine Norm, kein obligater Ablaufplan. Großartig! Allerdings gibt es eine klitzekleine Aufgabe, die noch zu erledigen ist. Jap. Genau. Beantworten Sie doch bitte folgende Frage: „Wie hätten Sie’s denn gerne?“

Puh. Ein bisschen ist es mit dieser Frage wie mit Urlaub: wenn man ihn nicht hat, sehnt man sich nach ihm in allen bunten Möglichkeiten… Und wenn er plötzlich da ist, muss man sich entscheiden für Reiseziel, Dauer, Reisepartner – und hat zugleich die unterschwellig nagende Sorge im Gepäck, dass es woanders doch schöner gewesen wäre.

Freiheit macht in erster Linie frei, nicht glücklich

Es ist spannend für mich, zu beobachten, wie viel Menschen generell und ich im Speziellen sich von Freiheit versprechen. Gar keine Frage: Freiheit ist Spitzenreiter auf meiner persönlichen Werte-Hitlist (und ich nehme an, dass das relativ vielen Menschen so gehen könnte… ). Allerdings stelle ich momentan recht häufig die Tendenz fest, Freiheit mit Glück gleichzusetzen. Dabei ist die Freiheit, etwas selbst entscheiden zu können, ja noch kein Indikator dafür, was ich mit dieser Freiheit dann anstelle. Und ob mich das glücklich macht – oder eben auch nicht.

Dementsprechend verhält es sich in meinen Augen mit einem Leben in Beziehungsanarchie. Ich empfinde es als wahnsinnig befreiend, so leben zu wollen und zu können. Aber gesunde, glückliche Beziehungen entstehen alleine aus dieser Freiheit heraus noch nicht. Die wollen, wie in allen anderen Kontexten auch, gestaltet und gehegt und ausgemalt werden – in Farben, mit Worten und über Berührungen, die gut tun und zu den Beteiligten passen.

„Anything’s possible if you’ve got enough nerve“

– J.K. Rowling-

True and exhausting at the same time: alles ist möglich. Hier nochmal in Großbuchstaben: ALLES IST MÖGLICH.

Voraussetzungen? Konsens, na klar. Aber auch – und das finde ich interessant- zwei unabdingbare Grundannahmen. Erstens: Ich muss überhaupt spüren können, was ich will. So frei wie möglich von normativen Vorgaben, so nah dran an mir wie möglich. Zweitens: Wir müssen in der Lage sein, darüber zu sprechen. Ehrlich. Ungeschönt. Und ohne Angst um die Beziehung.

Ziemlicher Brocken. Weil, es sind genau diese beiden Dinge, die die größte Herausforderung beinhalten auf dem (relativ vorbildlosen) Weg raus aus monogamen Gedankenkosmen. Die Freiheit, Beziehungen anders zu gestalten, beinhaltet also zunächst einmal die Freiheit, Beziehungen anders zu denken.

„Embrace the beautiful mess that you are“

-Elizabeth Gilbert-

Wenn ich mich frei machen will von all den Standard-Gedanken zu Beziehungen und ihren Regeln & Verpflichtungen, brauche ich vor allem eins: Mut. Weil zu einem freien Neu-Denken in Beziehungsfragen automatisch der Abstieg in meinen Bewusstseinskeller gehört. Der Schritt in die Kammer in mir, in der mein Inneres, Echtes verborgen liegt. Und nicht alles, was ich darin finde, scheint mir auf den ersten Blick so gut und ehrenvoll und rein wie ich das gerne hätte. Jap. MutundFreiheit sind an dieser Stelle nicht so wirklich zu trennen.

Erst, wenn ich diesen Schritt wage und mir ehrlich anschaue, was ich da in mir finde, was mich (in dieser Beziehung) treibt, was ich wirklich wünsche, was ich zu geben bereit bin… Dann erst kann ich mit diesem Schatz in den Dialog treten und im buchstäblichen Sinne verhandeln, welche Dinge ich in dieser Beziehung teilen, bekommen, geben möchte. Möglicherweise trifft nicht alles davon auf Begeisterung oder Zustimmung. Aber wenn ich mich selber meinen Wahrheiten mit unerschrockenem Blick gestellt habe, brauche ich diese Zustimmung nicht zwingend. Ich kann mich trotzdem mit diesen Wahrheiten zeigen.

„Inside the chaos, build a temple of love“

-Rune Lazuli-

Wenn sich alle Beteiligten einig sind, ist das naturgemäß ziemlich feierwürdig. Nur…. Was wenn nicht?! Darauf mag jede*r ganz eigene Antworten gefunden haben. Meine liegt allerdings hier: die Verbindung ist wichtiger als die Agenda. Ich habe es schon häufig erlebt, dass sich zwei (oder ggf. auch mehr) Vorstellungen der jeweiligen Beziehungsgestaltung nicht so deckten, wie es vielleicht wünschenswert gewesen wäre. (Ehrlich gesagt passiert [mir] das häufiger so herum, als dass es anders der Fall wäre. Menschen mit eigenen Köpfen, ey…. ^^).

Sex oder kein Sex? Körperliche Nähe, ja oder nein? Zusammenwohnen? Kulturveranstaltungsnerds sein? Mathefreunde, Teilzeiteltern, Krankenpfleger*innen? Meistens stimmen meine Vorstellungen nicht in allen Belangen mit denen eines/einer anderen überein. Zumindest nicht so, dass alles perfekt übereinander liegen würde. Logo.
Und ich würde dennoch von mir sagen, dass ich sehr gesunde & glückliche Beziehungen führe- auch, wenn ich nicht alles kriege, was ich vielleicht will. Oder vielleicht gerade deshalb? Letztendlich bleibt bei all den möglichen Uneinigkeiten über die genauen Elemente von Beziehungen nämlich eines übrig: die Entscheidung füreinander.

Wie ich als Beziehungsanarchistin Beziehungen gestalte?

Dieses Engagement, das in der Entscheidung liegt- das ist das, was meine Beziehungen trägt. Mich an die Erkenntnis heranzutasten, dass Menschen gemeinsam mit mir unseren Raum erkunden wollen. Mich von der Gewissheit tragen lassen, dass ich mich einbringen darf- mit allen Wünschen und Bedenken und Sehnsüchten und Grenzen. Und dass es „trotzdem“ jemanden gibt, der*die gemeinsam mit mir am Ball bleibt.

Und so bin es gar nicht so sehr aktiv ich, die meine Beziehungen gestaltet. Es ist eher meine Aufgabe, mich soweit frei zu machen von Angst und Norm und Ungenügendheitsgefühlen, dass die Zuneigung für einander die Beziehung gestalten kann. Und so fühlt sich für mich die Sorte Freiheit an, die glücklich macht. 

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