„Verstehe ich das richtig? Du schreibst nicht an deinem Blog, weil es dann Menschen lesen könnten? Das ist der Grund? IST DAS DEIN ERNST?!?!?“ 

Äh. Ich glaube, ich habe da gerade jemanden ziemlich irritiert. Aber mal im Ernst: mir fällt das Schreiben unglaublich schwer. Und das liegt nicht daran, dass ich nicht gerne schreiben würde. Oder keine Ideen hätte. Was genau mir am Bloggen Angst macht? Nun… einer der Gründe dafür, dass ich an manchen Tagen lieber einen ganzen Teller kalten Rotkohl essen würde, als nur eine Zeile zu veröffentlichen, liegt unter anderem hier:

Was glaubst du eigentlich, wer du bist?!?

Ich werde mich jetzt nicht in eine pseudo-selbstmitleidige Ego-Nummer versteigen, im Gegenteil: ich mag mich und meine Art zu leben, ich finde einige meiner Gedanken durchaus mal ganz klug und freue mich immer, wenn ich in Gesprächen dazu beitragen kann, dass mein Gegenüber den eigenen Sumpf ein bisschen klarer sieht. Nur – und jetzt gebe ich ihr mal Raum, dieser Stimme in mir-

  • wie soll solch ein Chaos irgendwie dazu beitragen, jemanden zu inspirieren?
  • sag mal, es gibt so viele Menschen da draußen, die klügere Gedanken verbreiten – muss das sein, dass du auch noch mitmischst und zum weißen Rauschen der Aphorismen und „Rettet-die-Welt-Gedanken“ beiträgst?
  • wir wissen beide, dass du nicht an Universallösungen für alle glaubst. Wieso sollte also deine eigene verwirrte Art, Wege und Lösungen zu finden und Ideen zu denken, für irgendjemanden nützlich sein?
  • komm‘ schon: du schaffst es doch nicht mal, dich auf eine Linie, eine Philosophie festzulegen. Wieso willst du jetzt über Dinge schreiben, die du in einem halben Jahr schon wieder völlig anders siehst?

Ich fasse zusammen: ich darf nicht.

Nicht, wenn ich nicht eine erleuchtete, sortierte, allgemeingültige und poetisch formulierte Lösung für die Probleme dieser Welt anzubieten habe. (Nur für’s Protokoll: habe ich nicht.)

 

Die Zeit der Verbote ist vor allem eins: vorbei.

Schön, denke ich. Ich darf also nicht. Irgendwo in mir gibt es eine rigide Anspruchhalterin, die mich nichts schreiben (und veröffentlichen) lässt, das sich nicht am kompletten Wahnwitz messen lässt. Und ich entscheide mich hiermit: ich mache es trotzdem.

Ich darf mein eigener Erlaubnisgeber sein!

So nämlich! Ja, es gibt miesepetrige Meckerziegen in mir. Skeptiker mit mondhohen Ansprüchen. Und Angsthasen, die ständig mit einem Auge miese Diss-Kommentare bei Youtube lesen und aufgeregt auf- und abhoppeln. „Was, wenn uns das auch passiert?!“

Und trotzdem. Trotzdem will ich es mir nicht nehmen lassen, eigene Entscheidungen zu treffen. Nicht von meiner Angst, nicht von meiner Antreiberin, nicht von meiner (falschen) Bescheidenheit. Sondern von dem Teil in mir, der weiß, dass ich frei bin. Nicht frei von Konsequenzen. Das ist keiner. Nie.

Aber frei, zu tun und zu lassen, was ich möchte. Und dann… dann möchte ich lieber etwas tun, das ich gut finde und etwaige Konsequenzen in Kauf nehmen – als aus Angst vor diesen Konsequenzen gelähmt in einem hättekönntewäresollte zu bleiben.

Aber das ist alles so privat!

Nachdem der fiese Miesmacher-Glaubenssatz enttarnt und ein stückweit entkräftet worden ist, bleibt eine zweite Angst: Alter, es ist dieses INTERNET!! Alles, was darin steht, 100 Jahre, Arbeitgeber, Fremdscham, nix mit gnädigem Erinnerungsoptimismus! Nun. Ja.

Es ist schon ein bisschen seltsam. Ein bisschen so, als hätte ich ein Date, bei dem ich über private Dinge plaudere- und plötzlich hebt jemand den Vorhang und ich sitze gleichzeitig in dem Restaurant, einer Pressekonferenz und einem Bewerbungsgespräch. (Na, so ganz eliminiert ist der Größenwahn noch nicht ^^).

Unangenehm! Und ich finde es nachvollziehbar, dass mich das ein wenig sprachlos macht. Dass ich versuche, in meinem Dating-Gespräch Themen und Worte zu finden, die mich nicht in Verlegenheit bringen. Die allgemeingültig sind; glatt, konsensfähig, ungefährlich. Die oberflächlich bleiben. Nur: was kann ich mir im Endeffekt davon kaufen?

Für den Fall also, dass mich Arbeitgeber, Nachbarn, Bekannte online aufsuchen (Grüße an dieser Stelle: ) und etwas über meine Art zu denken, zu leben, zu lieben lesen….. Ja. Dann erfahren sie wohl etwas über mich.

Freiheit muss genutzt werden, damit sie nicht verfällt

Aber in Zeiten, in denen die politische Entwicklung so viel Unmenschlichkeit und Ausgrenzung beinhaltet, möchte ich die Stimme nutzen, die ich habe. Die Privilegien, die ich genieße, verpflichten mich in meinen Augen gleichzeitig ein stückweit. Ich kann lieben, wen ich will, wie ich will und auch wo ich will. Ich muss mich nicht vor meiner Familie verstecken, nicht vor der Öffentlichkeit, nicht vor meinen Nachbarn. Das ist großartig!

Und darüber ohne Angst vor großen Repressalien schreiben zu können, gleichzeitig ein Geschenk, das ich nicht ungeöffnet weiterreichen will. Weil wir viele sind. Und weil es immer noch viel zu viel Schuld und Scham da draußen gibt in Köpfen, die wundervoll und einzigartig sind, ohne es zu wissen. Und hej- ich bin zwar nur ein einzelner Mensch … aber gilt das nicht für jede*n von uns?

Wie nutzt du deine Stimme für eine vielfältigere (Beziehungs)Welt? Gibt es Organisationen oder Gemeinschaften, denen du dich angeschlossen hast? Wenn du Initiativen kennst, die du weiterempfehlen magst oder selber bloggst/fotografierst/sonstwie veröffentlichst- gerne her mit den Adressen! 

... mehr? Hier entlang, bitte:
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