Herzgespinst, zum Zweiten

Verliebt | Partybekanntschaft | Herzgespinst | Polyamorie

Wir treffen uns auf einer Geburtstagsfeier. Das Erste, was mir an dir auffällt, ist die verdrehte Beobachtung, wie gut das rote Hemd, das du trägst, zu deiner Haarfarbe passt. Wir kommen fast gleichzeitig an.

“Wir sind uns doch draußen schon begegnet gerade”, sagst du.

“Stimmt”, sage ich – und fühle mich kurz ertappt. Dabei kannst du gar nicht wissen, dass mich unten, vor der Tür und zwischen den parkenden Autos, beim Blick auf dich das kurze Bedauern streift, weil du und ich offensichtlich unterschiedliche Ziele im Blick hatten.

Offensichtlich wusstest du einfach nur nicht, wo du hin musst. Passiert mir auch oft. Jetzt zum Beispiel.

Ich überreiche der Gastgeberin eine Schachtel Pralinen, für kreative Geschenkgestaltung fehlte mir die Zeit, ich bin gerade frisch verliebt und komme direkt von der neuen Liebe.

Alleine dort aufzubrechen hat mich große Anteile meiner Willenskraft gekostet. Dann noch Zeit zu finden für ein aufwendigeres Geschenk? Ich hätte es ihr gegönnt, unserer gemeinsamen Freundin. Aber dennoch.

Und überhaupt. Ich bin frisch verliebt. Frisch verliebt im besten Sinne. Weil diese Liebe langsam wuchs, sich in eine Freundschaft einnistete, sich von dort aus langsam in die Realität und in unser Bewusstsein ausstreckte. Frisch ist wohl also nicht so sehr die Liebe, die ich gerade mit voller Wucht lebe- sondern das Gewahrsein ihrer Existenz.

Auf der Suche nach einem safe-spot auf dieser Feier voller unbekannter Menschen lande ich auf der Küchenbank. Es dauert nicht lange, da lässt du dich neben mir auf den Stuhl fallen, hast einen Teller voll mit Salat geladen und klinkst dich in das Gespräch ein, das neben uns stattfindet.

Ich kann noch nichts essen. Kann ich nie, an fremden Orten, bevor ich nicht den Überblick habe, wo ich gelandet bin. In mir kribbelt es, die Erinnerung an ein Wochenende voller erster Male wärmt mir den Bauch und vertreibt mein Gefühl, hungrig zu sein.

Du beugst dich zu mir rüber, lächelst mir zu. “Dieser Salat”, nuschelst du. “Dieser Salat ist echt super!” Dein Lächeln knipst dein ganzes Gesicht an, du strahlst und blickst mich freundlich an. Ich lächele zurück, ich mag deine Augen.

Während du eine Anekdote erzählst von einem Freund, dem du nicht sagen kannst, dass du seinen Salat jedes Mal nur aus Höflichkeit isst, aus Angst, seine Gunst zu verlieren, vermischt sich mein warmes Gefühl im Bauch mit dem angenehmen Gefühl, das deine dunkle Stimme in mir auslöst. Ein bisschen wie Honig, der über Nägel fließt.

Sie hat etwas Unverstelltes, deine Stimme. Sie verbirgt nichts und sie lädt mich beim Zuhören ein, dir wirklich zu folgen.

Weißt du, ich mag Menschen wie dich. Menschen, die sich dabei haben, wohin sie auch gehen. Die keine Maskensammlung besitzen, für unterschiedliche Gelegenheiten, eine für die Arbeit, eine für gute Freunde, eine für die Familie, eine fürs Feiern gehen.

Du zeigst dich- und mir gefällt, was ich sehe.

Und ich lasse sie ziehen, meine Vorsätze. Meinen Entschluss, mich auf keine neuen Menschen mehr einzulassen. Du musst wissen, ich mag Menschen. Sehr gerne sogar. Ich mag es, neue Lebenswelten zu entdecken, Ecken und Kanten zu finden an Orten, zu denen nicht jeder vorstößt und mich durch fremde Augen immer wieder neu zu entdecken.

Eigentlich trage ich gerade ein selbst verhängtes Embargo. Meine neue Liebe, mein Wochenende- mein Alltag ist so bunt und voll. Ich liebe nämlich schon. Mehrfach. Und manchmal fürchte ich, dass ich mir selbst verloren gehe in all dem Lieben und nicht mehr gerecht werden kann.

Deshalb: meine Vorsätze. Mein Entschluss, mich auf keine neuen Menschen mehr einzulassen.

Unser Gespräch unterdessen, es vertieft sich. Ich weiß nicht, wie es uns gelingt, uns einander so vertraut zuzuwenden inmitten dieses Gemenges aus lauter Musik und viel Essen und Gelächter um uns herum. Aber es gelingt. Du bist bei mir, wenn du sprichst und du bist bei mir, wenn du zuhörst.

Ich erzähle dir von meinem Leben, von meiner Kunst, zu lieben, von meinem herzverwöhnten Wochenende. Du nimmst eine Gabel vom Kuchen, du bist mittlerweile beim Nachtisch angekommen, während ich erst recht nichts mehr essen kann, seit du mit deinem Kopf und deinem Mund und deinen Augen noch näher gerückt bist, um mich besser zu verstehen.

“Es klingt logisch, was du sagst”, fasst du meinen Monolog zusammen. “Und ich wünschte, ich könnte das.” Zu viele Emotionen seien für dich im Spiel, du könntest nicht teilen.

Ich verstehe dich. Und ich kenne das. Das Gefühl, von früher. Aber vor allem: das Argument.

Nicht teilen können. Teilen.

Was denn eigentlich?

Was teilen meine Lieben mit dir, in diesem Moment? Meine Begeisterung? Meine Freude an unserem Gespräch? Meine Lust, dich und mich und meinetwegen gerne auch den Kuchen wegzubeamen an einen Ort, an dem wir ungestört erforschen können, was uns verbindet?

Oder anders: was haben sie von diesen Empfindungen und Regungen, während ich, so oder so, hier bei dir bin? “Teilen” sie etwas?

Das Wörterbuch sagt, “teilen” bedeute, “etwas, was man besitzt, zu einem Teil einem anderen zu überlassen”. Oder “ein Ganzes in zwei Teile zu zerteilen”.

Ich frage mich, kann das jemand mit mir? Mich teilen? Oder ver-teile ich mich, verschenke mich, gebe mich dir und diesem Moment hin?

Ich verstehe, was du meinst. Ich kenne deine Sehnsucht nach der wundervollen gelebten Sicherheit, einen geliebten Menschen sicher bei sich zu haben- und ich vermisse dieses Gefühl manchmal, seit ich meinem Herz Stück für Stück die Führung überlasse

Aber gleichzeitig… weißt du, gleichzeitig fällt es mir sehr schwer gerade, meinem Herz zu erklären, jetzt, in diesem Moment, warum ich dich nicht küssen darf. Das würde ich nämlich gerne. Dich küssen.

Die Stimmung im Raum verändert sich, dein Teller ist leer, “Soll ich dir ein Bier mitbringen?”, fragst du. “Gerne”, sage ich – und wappne mich für den Teil, der gleich kommt. Unsere gemütlichen Plätze werden wir verlassen, uns unter die anderen mischen, Gespräche suchen und gestalten, die doch an unseres gerade nicht herankommen werden. Und mein Herz wird sich die ganze Zeit über schmerzlich bewusst sein, wo du bist.

“Danke”, sage ich tapfer, als du mir das Bier in die Hand drückst. Wir stehen noch einen Moment unschlüssig und ein kleines bisschen verlegen voreinander, “Es ist ein schönes Gefühl, von jemandem interessant gefunden zu werden, den man interessant findet”, sagst du. “Das stimmt”, sage ich. Und versuche, zu lächeln, ohne die Spur von Bedauern für dich sichtbar zu machen, die doch meine momentane Gefühlslage dominiert, “Das stimmt.”

Wir prosten uns kurz zu, dein Blick sucht meinen, hält ihn fest. Kurz- und dann noch ein bisschen länger, bis du dich umdrehst und gehst.

Und mein Herz und ich, wir müssen reden.

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