Sagt dir Michael Nast etwas? Stichwort „Generation Beziehungsunfähig“? Mal abgesehen davon, dass ich den Michael ganz sympathisch finde , glaube ich, dass er sich irrt. Badamm. Eine gewagte These, gerade bei dem Wahnsinnserfolg, den er hat, jaja. Aber trotzdem!

Gut, ein gutes Stück ärgere ich mich auch über das In-einen-sack-gesteckt-Werden. So ganze Generationsdiagnosen wecken in mir direkt mal ersten Widerstand. Dennoch habe ich mich bemüht, mich möglichst unvoreingenommen mit seiner These zu beschäftigen- und dabei ist mir vor allem ein Punkt aufgefallen:

Ich denke nicht, dass wir beziehungsunfähig sind- sondern vielmehr so beziehungsfähig wie nie zuvor.

Es erscheint mir schon vorstellbar, dass Michael Nast all diese Phänomene tatsächlich beobachtet, von denen er schreibt. Eine gewisse Unwilligkeit, sich festzulegen. Das Kreisen um die eigenen Bedürfnisse und die eigene Person. Das Aufabstandhalten von Menschen, die einem wichtig werden könnten. Und auch eine gewisse Tendenz zur gesuchten eigenen Weiterentwicklung mag vorhanden sein- nicht nur bei den Hauptstädtern.

Beziehungsunfähig oder festbindeunwillig?

Die Frage, die sich mir stellt, ist eher: wenn die Symptome richtig beobachtet sind… ist es die Diagnose dann zwangsläufig auch?! Und an diesem Punkt bin ich anderer Meinung als Nast. Das, was ich sehe, sind Menschen, die  bemüht sind, in ein Konzept zurück zu klettern, das einer gewissen Aktualisierung bedarf. Die eine Beziehung suchen, die sie ergänzt. In der sie Sicherheit finden, Anregung, Unterstützung und Nervenkitzel. Von jetzt an bis ans Ende der gemeinsamen Tage.

Was dabei oft übersehen wird, ist der niedrige Selbsterhalt dieser Beziehungen. Wenn ich nichts investiere, werden meine Beziehungen nicht lange halten. Sie tragen sich quasi nicht (lange) von alleine. Um diese Verbindung trotzdem vital und lebendig zu halten, muss ich motiviert sein, mich und meine Energie einzubringen. Stelle ich mir vor, dass diese Beziehung die letzte und einzige ist, die ich in meinem Leben noch führen werde, sinkt diese Motivation im Laufe langer Jahre. Ganz gewiss gibt es Paare, die sich ihrer Ehe/Partnerschaft immer wieder aufs Neue verpflichten und ihr volles Engagement widmen- ich bewundere das sehr!

Gleichzeitig frage ich mich, ob es nicht auch legitime Alternativen dazu gibt. So sind in meinen Augen Beziehungen dann tragfähig, wenn ich mich einbringen will. (Mehr über meine Art Beziehungen zu gestalten, findest du hier). Diese Motivation liegt für mich persönlich nicht in einem Ausschluss von anderen Verbindungen, in denen ich mich ähnlich engagiere.

Wer viel hat, hat auch viel Gutes

Im Gegenteil: wenn ich auf meine eigenen Erfahrungen blicke, weiß ich umso mehr zu schätzen, was ich an jemandem mag, wenn ich auch andere Dinge sehe und erlebe. Jemand, der sehr sesshaft ist, würde mich auf Dauer vielleicht zu sehr lähmen. Aber im Kontrast zu jemand sehr Unsteten empfinde ich diese Eigenschaft als sehr wohltuend und angenehm. Das funktioniert dann andersherum genauso: das Unstete weiß ich zu schätzen, wenn ich das Sesshafte genießen kann.

So fällt es mir ungleich viel leichter, mich Menschen und Beziehungen auch langfristig zu verpflichten. Wenn sich das ganze Gute, das ich in meinem Leben habe, gegenseitig ergänzt- und so beides für sich noch viel wertvoller macht.

Entscheidung zur Intimität

Die Frage, die sich mir stellt, lautet also: will ich, ganz persönlich, eine Fokussierung auf eine einzige Person? Auf eine einzige Erlebnis- und Erfahrungswelt, die für mich darin möglich ist? Wenn ja- ist das total prima! Wie gesagt, ich bewundere Menschen, die diese Entscheidung treffen. Und kann gleichzeitig selbstbewusst daneben stellen, dass ich mich anders entscheiden mag. Nicht für Willkür oder Oberflächlichkeit. Nur für Mehrzahl und Vielgestalt.

Für mich bedeutet Beziehung, einen gemeinsamen Schutzraum mit einem Gegenüber zu schaffen, in dem Entwicklung möglich ist. Dafür muss ich mich einlassen. Auf einen anderen Menschen, auf die Begegnung, auf die Verantwortlichkeiten, die das mit sich bringt. Kurzum, ich muss meinen individualisierten Standpunkt verlassen und in einem „Wir“ denken können. Das bedeutet für mich Beziehungsfähigkeit. Das eigentliche Problem taucht auf, wenn man dieses Einlassen gleichsetzt mit einer Verpflichtung. Der Verpflichtung, sich dort- und nur dort- einzulassen, wo man diesen Schritt gerade gegangen ist. Noch einmal – daran ist überhaupt nichts auszusetzen. Aber das ist eine Entscheidung, die man bewusst treffen sollte.

Gehe ich nämlich davon aus, dass sich hier ein Automatismus verbirgt („wo ich mich einlasse, muss ich mich auch exklusiv verpflichten“), entsteht entweder die Angewohnheit, sich nirgends wirklich einzulassen- oder es mit der Verpflichtung nicht allzu genau zu nehmen. Eine „Generation Beziehungsunfähig“ sind die Beteiligten in meinen Augen deshalb nicht. Sie setzen lediglich Annahmen und Kausalitäten voraus, die ich nicht als zwangsläufig gegeben betrachte.

Weil wir einander brauchen in einer flexibilisierten Welt

Im Umfeld der heutigen Möglichkeiten, Flexibilisierungen und Entwicklungschancen braucht es stabilere soziale Netzwerke als je zuvor. Weil an sie die Anforderung gestellt ist, aus sich selbst heraus bestehen zu müssen. Der gleiche Wohnort, der immerselbe Abend in der Woche im Kegelclub, der heimatliche Fußballverein taugen oft nicht mehr als sozialer Kleber. Und somit auch nicht als zwingender Grund, um miteinander in Kontakt zu bleiben. Die Freundschaften und Beziehungen, die ich knüpfe, müssen also umso mehr sich selbst als Zweck haben. Das erfordert Arbeit, Initiative und Engagement.

Eine Entscheidung für eine Vielfalt in Beziehungen kann also ein Mehr an Beziehungsfähigkeit fordern, statt ein Beleg für Beziehungsunfähigkeit zu sein. Entscheidend ist der Entschluss, mich wirklich in meine Verbindungen einzubringen und der Oberflächlichkeit zu trotzen. Wenn ich das tue, verhindert das auch die überbordenden Erwartungen, die vor allem in romantische Beziehungen gesteckt werden. Schließlich muss dieser verlangte Exklusivitätsanspruch eine ganze Menge Verzicht aufwiegen.

Die Lösung?

Dieser Verzicht ist in meinen Augen nicht ursächlich nötig. Und gleichzeitig ein guter Indikator für die eigene Entscheidung. Ich weiß von verheirateten Freunden, dass ihnen die Entscheidung füreinander nicht im geringsten wie ein Verzicht vorkommt. Die beiden scheinen also im Konzept der Ehe sehr zu Hause zu sein (: Nur, Menschen, die sich da anders fühlen (mich eingeschlossen) sind für mich nicht kategorisch bindungsunfähiger. Lediglich mit anderen Bedürfnissen und Sehnsüchten ausgestattet.

Die Lösung liegt für mich nicht darin, als Beziehungsunfähigkeit (miss)verstandene Autonomiewünsche zu überhören. Sondern viel mehr darin, tiefe, sich selbst genügende Beziehungen zu etablieren, indem man den Sinn & Wert der Exklusivität für sich ganz persönlich hinterfragt. Und dann den eigenen Erkenntnissen entsprechend stimmige Lebensentscheidungen triff- für ein Leben ohne den Druck, das eigene Verhalten und Bestreben in Beziehungen als „unfähig“ abgestempelt zu finden.

 

Was sagst du? Wie nahe kommt dir der Gedanke, dass hinter dem ausweichenden Verhalten heutzutage einfach überholte Annahmen zugrunde liegen? Erlebst du einen ähnlichen Erwartungsdruck, wenn du dich auf nahe Verbindungen zu Menschen einlässt oder lasst ihr euch frei beim Halten? Ich freue mich auf deinen Kommentar zum Thema!

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